Eine Fahrt durch Katutura und die Townships von Windhoek

Letzte Woche haben wir mit Joseph, einem uns bekannten Taxifahrer, eine Tour durch Windhoek gemacht. Hier in Namibia ist es nicht ratsam, einfach Taxis von der Straße zu winken. Das wurde uns von mehreren Seiten gesagt und die schlechte Erfahrung wollen wir nicht unbedingt selbst machen. Von den Freiwilligen vor uns haben wir also Nummern von vertrauenswürdigen Fahrern bekommen, die wir einfach anrufen, wenn´s irgendwo hingehen soll. Joseph ist einer von ihnen. Er fährt uns an diesem Sonntag in die nördlichen Stadtteile, die wir im Alltag so nie sehen. Fast drei Stunden sitzen wir in seinem Taxi, um Katutura und die Townships im Norden Windhoeks kennenzulernen. Er holt uns von der Schule ab, wir umfahren auf einer breiten Straße das Stadtzentrum, kommen an Industriegebieten vorbei, und dann, als wir schon fast aus der Stadt heraus sind, biegen wir nach Katutura ab.

Katutura. In der Stammesprache Otjiherero bedeutet das so viel wie „der Ort, an dem wir nicht leben möchten“. In den 1950er Jahren während der Apardheitspolitik Südafrikas entstanden, sollte es ein Wohngebiet für Schwarze sein, die aus der Stadt vertrieben wurden. Windhoek sollte nach südafrikanischem Beispiel „weiß“ werden. Dafür wurde ein völlig neues Wohngebiet aus dem Boden gestampft und ab 1959 begannen die Zwangsumsiedlungen. Joseph erzählt uns, dass die Häuser einfach zugeteilt wurden. Die damals erbauten kleinen Häuser mit einer Wohnfläche von 45m² stehen zum Großteil heute noch. Die Trennung ist aufgehoben und das ehemals völlig separate Katutura, ist heute Teil der deutlich gewachsenen Hauptstadt. Aber Weiße leben dort bis heute nicht.

Katutura macht auf mich einen zwar armen, aber dennoch gepflegten Eindruck. Jedes Haus und jeder Hof eingezäunt, oft ein Auto in der Garage, bunt angestrichene Häuser, angeschlossen ans Strom- und Wassernetz, geteerte Straßen. Joseph meint, dass hier z.T. auch wohlhabendere Leute wohnen, die das einfache Leben in Katutura bevorzugen. Beweis dafür sind einzelne große moderne Häuser, die mit ihren Elektrozäunen und teuren Autos in der Auffahrt etwas fehl am Platz wirken.

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Zwei Zimmer, Küche, Bad – ein solches Haus, sagt Joseph, teilen sich mindestens zwei bis fünf Personen

Diese Wohnsiedlung ist jedoch nicht das einzige Gesicht von Katutura, das manchmal schon „Matutura“ genannt wird, „Ort an dem wir leben wollen“. Nachdem wir auch das Haus von Josephs Großmutter gesehen haben, in dem er aufgewachsen ist, geht es weiter in die ärmeren Viertel. Wobei Viertel hier schon ein großes Wort ist. Wellblechhütten, die sich dicht an dicht reihen, scheinbar wahllos und ohne Ordnung. Schotterpisten statt Straßen. Wasserstellen, wo Menschen ihr Wasser in Kanistern holen. Keine richtigen Sanitäranlagen, keine richtige Müllentsorgung. Völlig vermüllte Wasserläufe. Autowracks, komplett ausgeschlachtet. Mit Draht, Autoreifen und sonstigem Schrott werden kleine Innenhöfe abgesteckt, um etwas Privatsphäre zu schaffen. Diesen Zustand bezeichnet die Regierung als „informal settlements“, Joseph nennt ihn „Ghetto“ und wir würden ihn wohl „Township“ oder „Slum“ nennen. Joseph sagt auch, dass die Regierung hier eigentlich gar keine Kontrolle mehr hat. Dass Menschen aus anderen Regionen Namibias auf der Suche nach Arbeit hier landen, sich ein Stück Land suchen und ihre Hütte darauf errichten. Wie viele Menschen hier leben, kann er nur schätzen. Sicher ist, dass Windhoek in diese Richtung immer weiter wächst.

Es ist voll, es ist unordentlich und vor allem: es stinkt. Das Stadtzentrum ist einige Kilometer entfernt und ohne öffentliche Verkehrsmittel für viele Bewohner nicht so einfach zu erreichen. Trotzdem kann man hier vieles bekommen. Es gibt kleine Liquor-Stores und Bars, viele Barbershops und ein paar Minimarkets, Schulen und Kindergärten, Autowerkstätten. Diese Läden sind in denselben unscheinbaren kleinen Hütten untergebracht und meist nur an einem handgemalten Schild zu erkennen. Besonders eindrücklich ist ein Kindergarten, den Joseph uns zeigt und in dem auch Freiwillige aus Deutschland arbeiten. Ein paar Wellblechhütten mit sandigem Boden. Ein riesengroßer Kontrast zu unserem Kindergarten hier an der Waldorfschule und dem was wir aus Deutschland kennen.

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Unkontrolliert entstandene Siedlung auf einem der vielen Hügel in Windhoek
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In jedem dieser „Häuser“ wohnen zwischen zwei und acht Personen auf engstem Raum zusammen
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So oder so ähnlich sehen viele Hütten aus

Dann biegen wir von einer Straße ab und sind plötzlich inmitten wunderschöner Natur am Goreangab Dam. Hier besitzt die Initiative „Penduka“ ein Stück Land, direkt am Stausee gelegen, wo Frauen aus Katutura Schmuck aus Glasperlen herstellen, Stoffe bedrucken und Geschirr töpfern, wo Vögel zwitschern und nichts daran erinnert, dass nicht mal einen halben Kilometer weiter Menschen von gerade mal einem Nam-Dollar am Tag (über-) leben müssen.

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Nach einer kurzen Pause geht es von hier aus zurück in unser behütetes Avis, wo wir so wenig von dem mitbekommen, was sich am anderen Ende von Windhoek abspielt. Das ist, was uns am Ende der Fahrt überhaupt am meisten beschäftig: Dass in Katutura Menschen täglich ums Überleben kämpfen und in Klein-Windhoek die Leute morgens überlegen, welches ihrer drei Autos sie heute aus der Garage holen wollen. Wie überhaupt nicht vergleichbar das Leben der einen mit dem Leben der anderen in der namibischen Hauptstadt ist.


Weiterführende Links:

Über das Schicksal von Menschen in Katutura (englisch):

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