Begegnungen im Township

Eines meiner Ziele für das kommende halbe Jahr ist es, die Menschen an der Schule besser kennenzulernen. Eine wunderbare Chance dazu bot sich mir an einem Montagnachmittag während der kurzen Ferien Anfang März. Ich wurde von der Familie einer Mitarbeiterin der Schule zu sich nach Hause eingeladen. Sie lebt in Havana, einem der Townships der namibischen Hauptstadt. Über meinen Besuch bei ihrer Famlie habe ich einen Text geschriebn. Um die Privatsphäre der Menschen zu schützen, habe ich ihre Namen auf den Anfangsbuchstaben reduziert.


Am Hidas-Center, einem Einkaufszentrum in Klein Windhoek, versucht M. ein Taxi zu bekommen. Schon hier zeigt sich: nach Havana zu kommen ist deutlich schwieriger als in einen anderen, vorzugsweise von Weißen bewohnten, Stadtteil. Havana liegt am äußersten Stadtrand von Windhoek und ist eines jener Townships, in dem die Bewohner nur rudimentär an Strom und Wasser angeschlossen sind. Eines jener Townships, das in den letzten Monaten mit der Ausbreitung von Hepatitis E Schlagzeilen gemacht hat. Eines jener Townships, in die man als Weiße/r besser nicht geht. Zumindest nicht allein. Mit M. an meiner Seite fühle ich mich einigermaßen sicher. Das Taxi, das sich schließlich bereit erklärt, uns mitzunehmen, braucht fast eine Dreiviertelstunde für die Strecke von 18 km. Während wir in der City von Windhoek und den zentrumsnahen Stadtteilen manchmal das Gefühl haben, die Straßen seien wie ausgestorben, sind im Norden der Hauptstadt die Straßen belebt. Eine Gruppe Mädchen in Schuluniformen hängt vor einer Apotheke herum, eine Frau sitzt hinter einem Gemüsestand unter einem Schattennetz. Neben ihr auf einem Stück Karton kauert ein kleines Mädchen. Ein paar Meter weiter hocken Männer auf dreckigen Plastikstühlen vor einer Bar.

Die Straßen des Viertels, in dem M. und ich aussteigen, sind nach namibischen Städten benannt. Walvis-Bay-Street, Khorixas-Street, Outapi-Street. Dabei sieht diese Gegend gar nicht mehr nach Stadt aus. Die schicken Villen Klein Windhoeks, die modernen Apartmentgebäude Eros`, die Steinbauten Katuturas sind Blechhütten gewichen. Wir befinden uns in einem sog. „informal settlement“. Anders gesagt: wir sind dort, wo die Ärmsten der Armen leben. Die Bevölkerung in diesen Vierteln wächst jährlich um ca. 10%. Hier und in den umliegenden Vierteln ist der überwiegende Teil der Bevölkerung offiziell arbeitslos. M. mit ihrer festen Anstellung bildet eine Ausnahme.
Von der Straße aus sind es nur 50 Meter, die wir zu ihrem Haus zurücklegen müssen. Es steht zwischen anderen Blechhütten. Vor der offenen Tür, der einzigen Öffnung im Haus, sitzen seine Bewohner: M.`s Tochter und ihr Baby, M.`s Nichte, die seit dem frühen Tod ihrer Eltern bei der Tante lebt, zwei Halbstarke, M.`s ältere Söhne, und T. (9) und Mo. (3). Ich werde ihnen nacheinander vorgestellt, aber ich muss gestehen, dass ich mir ihre Namen nicht alle merken kann.

Gemeinsam mit M. betrete ich das Haus. Innen ist es dämmrig und schrecklich heiß, Licht fällt nur durch die Eingangstür und die Spalten zwischen Wand und Dach. Das Fundament und zugleich der Boden scheint aus Beton gegossen zu sein. Im Hauptraum liegt eine dünne Schaumstoffmatratze, die nun zusammengerollt und beiseite gebracht wird. Die Wände sind verhängt mit einem Sammelsurium verschiedener Stoffe. Zum Sitzen gibt es einen Holzstuhl, einen Plastikstuhl, eine zusammengezimmerte Bank, ein paar große Plastikeimer. Von der Decke hängt eine nackte Glühbirne. Der Strom dafür kommt von einem einsamen Kabel, das sich durch ein Loch in der Decke schlängelt und in einer Mehrfachsteckdose mündet. In einer Ecke lehnt das Fahrrad, das T. vor ein paar Monaten von einem nach Deutschland zurückkehrenden Mitschüler geschenkt bekommen hat. Sein kleiner Bruder hält mir stolz ein Plastikspielzeug entgegen, das laut eine Melodie spielt. Ein paar kleine Schränke beinhalten die Lebensmittelvorräte der Familie. Ein 10l-Sack Mehl steht daneben. Neben der Tür blinzelt ein Huhn mit zusammengebundenen Beinen seinem Lebensende entgegen. „I making for you a nice meal. Oshiwambo pap and chicken.“ verspricht mir M. Mit ein paar großen Holzbrettern ist eine Kochecke abgetrennt. Bevor wir jedoch das Essen zubereiten können, muss zunächst die Gasflasche aufgefüllt werden. Mit etwas Geld machen sich die Männer auf den Weg. Auch wenn es nicht immer den Anschein macht, bekommt man in Havana alles was man braucht.
Hinter den Vorhängen an den Wänden verstecken sich drei weitere schmale Räume. Das eine ist zur Hälfte mit einem großen Bett ausgefüllt, auf dem jede Menge Kleider und Babyutensilien liegen.

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Ein ähnlicher Ausblick bietet sich auch von M.´s Hütte aus

Die Stunden bis zum Abendessen verbringe ich mit den anderen jungen Erwachsenen im immer schwächer werdenden Tageslicht vor der Tür. Ich darf das zwei Monate alte Baby halten, probiere von dem lauwarmen selbstgebrauten Bier, das eine Nachbarin vorbeibringt, und lutsche an den mandelförmigen, getrockneten Beeren des Marula-Baums, bevor ich ihren harten Stein vor mir auf den Sandboden spucke. Nebenbei wird das Hühnchen gerupft, dem mittlerweile der Hals umgedreht wurde. Immer wieder kommen Leute vorbei. Über die Kinderschar, die sich um T., der nun sein Fahrrad rausgeholt hat, habe ich längst den Überblick verloren. Da sind zwei kleine Mädchen in sauberen Kleidern und Schuhen, ein Kleinkind in zerrissenen Hosen, ein paar Jugendliche, die sich kurz zu uns setzen.  Sie alle starren mich mit neugierigen Blicken an und werden von meinen Gastgebern direkt mit Honigmelone versorgt, die ich als Geschenk mitgebracht habe. Ein Teenager ruft mir tollkühn „Can I get your number?“ zu. Alle lachen. Die ältere Schwester fordert T. auf, mir etwas Oshiwambo beizubringen. Weiter als „ngepi?“ (wie geht´s?) und die passende Antwort „nawa“ (gut) komme ich aber an diesem Tag nicht.
Eine der jungen Frauen schwärmt mir vom Norden, der traditionellen Heimat der Owambo, vor. In ihrem typischen Owambo-Akzent, bei dem „l“ und „r“ manchmal durcheinander geraten, erzählt sie mir vom „Kunene liver“ und fragt mich scherzhaft, ob ich nicht einfach ihren Bruder „mally“ (= marry, heiraten) möchte, um dort zu leben. Mir kommt der Gedanke, dass ironischerweise die Menschen in Windhoek oft den Norden idealisieren, während die Menschen aus den nördlichen Regionen Namibias, dem Owamboland, nach Windhoek kommen, um hier Arbeit und bessere Lebensbedingungen zu finden. Nicht wenige von ihnen beenden ihre Reise in einem Township wie Havana. Nicht nur namibische Migranten leben in den Townships. Auch Flüchtlinge aus Nachbarländern finden hier, oft illegal, Unterschlupf. So wie die zwei ziemlich betrunkenen Männer, die uns Bimssteine verkaufen wollen. Sie erzählen, dass sie aus „Zim“ sind. Das ist die Abkürzung für Simbabwe. Der eine Mann fragt, wo ich herkomme. „Deutschland“ antworte ich, woraufhin sich sein Gesicht aufhellt und er mit wissender Miene ein Hakenkreuz in den Sand zeichnet. „Hitler, you know?“ fragt er. Ich lächle nur freundlich und sage nichts. Auf manche Diskussionen brauche ich mich gar nicht erst einzulassen. Ich bin froh, als die beiden weiterziehen.

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Das ist nicht M.´s Hütte – aber sie könnte es sein

Nach einer Weile gehe ich wieder ins Haus und frage M., ob sie Hilfe braucht. Mir wird die Aufgabe zugeteilt, den kleinen Sohn zu waschen. Dazu stellt er sich in eine große Plastikschüssel und ich wasche ihn mit einem Lappen und etwas Wasser aus einer zweiten Schüssel. Wir haben dabei viel Spaß, obwohl er kein Wort Englisch versteht. Anschließend creme ich seine empfindliche schwarze Haut mit Lotion ein. Eigentlich wäre nun T. dran, doch der muss erst von einem der älteren in den Ecken und Winkeln der Nachbarschaft aufgetrieben werden.
Als beide Jungs sauber sind, ist auch das Essen fertig. Auf drei umgedrehten Eimern stehen zwei Töpfe Hühnchen und ein großer Teller Pap. Das ist ein traditionelles namibisches Gericht, das aus Hirse- oder Maismehl mit Wasser angerührt wird. Pap kann unterschiedliche Konsistenzen haben. In diesem Fall ähnelt er einem Brotteig, ist klebrig und fest mit einer trockenen Kruste. Nachdem ich mir die Hände in einer herumgereichten Schüssel mit Seifenwasser gewaschen habe und M. ein Gebet gesprochen hat, mache ich es den anderen nach und forme in der Hand Kugeln aus Pap, die ich dann in das Hühnerfett tunke. Ich stelle mich nicht besonders geschickt an und habe am Ende viele Flecken auf der Hose. Dafür schmeckt es lecker!

Während des Essens kommen immer wieder Leute herein und dürfen sich an Fleisch und Pap bedienen. Unter ihnen ist auch M.`s Bruder, der mich freundlicherweise am Ende dieses Abends nach Hause fährt. Havana ist nachts nicht unbedingt das sicherste Pflaster und ich bin froh, dass mich ein paar Erwachsene bis zum Auto des Bruders begleiten. M.`s Versicherung „It´s my brother, he not rob you!“ wäre gar nicht nötig gewesen. Nach dieser großzügigen Gastfreundschaft, die mir an diesem Nachmittag bewiesen wurde, habe ich nicht die leisesten Bedenken bei ihrem Verwandten ins Auto zu steigen.
Eine halbe Stunde lang beobachte ich durch das Rückfenster des weißen Golfs die nächtliche Hauptstadt Namibias. Je weiter wir in den Osten fahren desto weniger Verkehr verstopft die Straßen, desto größer werden die Häuser – und die Mauern um sie herum. Dann bin ich an der Schule. Ich komme in einen hell erleuchteten Raum, nehme mein gekühltes Getränk aus dem Kühlschrank, setze mich auf das gemütliche Sofa und beginne auf meinem Laptop diesen Text zu schreiben. Einen Text über einen Besuch. Aber auch über Kontraste und unüberwindbar scheinende  Ungleichheiten.


Ich habe lange überlegt, ob ich meinen Text über dieses Erlebnis auf dem Blog veröffentlichen soll. Einerseits, weil er recht private Einblicke in das Leben einer Familie liefert und andererseits weil ich befürchte, dass ich mit meinen Beschreibungen ein stereotypisches Bild von „Afrika“ unterstützen könnte. Deswegen möchte ich ganz explizit darauf hinweisen, dass die hier beschriebenen Ereignisse und Umstände aus meiner ganz eigenen, subjektiven Perspektive geschildert wurden und keinesfalls verallgemeinert werden können. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben einer namibischen Familie. Bitte behaltet beim Lesen im Hinterkopf, dass es neben dieser noch unendlich viele weitere Geschichten gibt, die an Stelle dieser erzählt werden könnten und die möglicherweise ganz anders aussehen würden.

3 Kommentare zu „Begegnungen im Township

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  1. Sehr, sehr interessant zu lesen!
    Und ich finde, du beschreibst voller Achtung und Respekt die tolle Gastfreundschaft, die du an diesem Abend erleben durftest. Danke für diesen interessanten Bericht!
    Lg, Sarah (Sunnybee)

    Liken

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