Schüleraustausch vs. Freiwilligendienst – was ist besser?

Ich habe beides gemacht. Mit zwei verschiedenen Organisationen. Auf zwei verschiedenen Kontinenten. In ganz unterschiedlichen Ländern. Und obwohl ich finde, dass beide, sowohl der Schüleraustausch als auch der Freiwilligendienst, ganz einzigartig sind, möchte ich die beiden hier vergleichen. Denn ich glaube, dass sich viele Jugendliche die Frage stellen, wann der richtige Zeitpunkt für ein Auslandsjahr ist. Und vielleicht kann ich jemandem mit meinen Erfahrungen bei der Entscheidung helfen. 


Mit 15 war ich das erste Mal von Zuhause weg, so richtig meine ich. Damals, 2014, war ich für zehn Monate in Russland, habe in einer Gastfamilie in einer kleinen Stadt an der Wolga gelebt und bin in eine russische Schule gegangen. Jetzt, vier Jahre später, mit 19, bin ich für 12 Monate in Namibia und mache einen Freiwilligendienst im Hort der Waldorfschule Windhoek.

Es gibt einige offensichtliche Unterschiede zwischen Schüleraustausch und Freiwilligendienst, einige Gemeinsamkeiten und bestimmte Dinge, die auf beides zutreffen können, aber nicht müssen. Fangen wir mit den Unterschieden an: Als Austauschschüler geht man zur Schule, als Freiwilligendienstler arbeitet man. Wow, Franziska, was du nicht sagst! Tatsächlich macht das, zumindest für mich, einen größeren Unterschied, als vielleicht angenommen. Denn die Herausforderungen sind ganz andere. In der russischen Schule habe ich mich, besonders am Anfang, oft gelangweilt, weil ich im Unterricht kaum etwas verstanden habe. Jetzt hingegen ist meine Arbeitszeit die wichtigste und interessanteste Zeit des Tages, in der ich täglich neues lerne. Mein Lebensgefühl ist ein ganz anderes: statt sechs Stunden am Tag herumzusitzen und auf das Schulende zu warten, tue ich etwas Sinnvolles und übernehme Verantwortung. Dafür hatte ich als Schüler eher die Chance, Gleichaltrige kennenzulernen, hier sind meine Kollegen größtenteils deutlich älter als ich und ich muss anderswo Bekanntschaften machen.

Selbstständigkeit und Freiheit

Einer der größten, aber weniger offensichtlichen Unterschiede zwischen Schüleraustausch und Freiwilligendienst ist die Selbstständigkeit, die auch mit dem Alter zusammenhängt. Wer mit 15 oder 16 ins Ausland geht, lebt in einer Gastfamilie oder in einem Internat, hat sich an die Regeln dort zu halten, muss zur Schule gehen, ist auf die Hilfe der zuständigen Erwachsenen angewiesen. Reisen ist meist nur dann möglich, wenn die Gastfamilie die finanziellen Mittel dafür hat oder sich Gruppenreisen ergeben. Als Freiwilligendienstler hat man da natürlich mehr Möglichkeiten (wobei auch hier die Einsatzstelle die Ferienzeiten festlegt, nicht jeder hat so viel frei wie wir an unserer Schule).

Abhängig von Land, Organisation und Einrichtung leben Freiwilligendienstler entweder ebenfalls in Gastfamilien oder aber alleine oder mit anderen in Wohnungen, so wie ich. Das bedeutet mehr Verantwortung, aber auch mehr Freiheit. Und obwohl man sich natürlich ebenso an die Arbeitszeiten halten muss, kann man die restliche Zeit meist mehr nach seinen eigenen Vorlieben gestalten als in einer Gastfamilie. Als Fünfzehnjährige hat es mir nicht wirklich viel ausgemacht, von meiner Gastfamilie abhängig zu sein, zumal ich mich mit allen Familienmitgliedern sehr gut verstanden habe. Eigentlich ganz im Gegenteil: ich habe es genossen, nach und nach Teil der Familie zu werden, die Verwandtschaft, die Freunde und die Traditionen und Gewohnheiten meiner Gastfamilie kennenzulernen. Auch wenn das bedeutete, dass ich mich an ihre Regeln und Vorstellungen anpassen musste.

Mit 19 war mir aber klar, dass ich nicht noch einmal so eingebunden sein möchte, sondern lieber selbstständiger leben will. Da ich schon ein Jahr in einer WG gelebt habe und quasi schon von Zuhause ausgezogen war, wollte ich keinen „Schritt zurück“ machen müssen. Bei meiner Einsatzstelle ist es glücklicherweise so, dass wir Freiwilligen in einem eigenen Häuschen auf dem Schulgelände wohnen, sodass wir es nicht weit zur Arbeit haben, aber uns nach Bedarf auch zurückziehen können.

Eine fremde Kultur kennenlernen

Damit einher geht für mich aber auch einer der größten Nachteile des Freiwilligendiensts: man hat viel weniger direkte Anbindung an Menschen aus der fremden Kultur. Zumindest ist es bei mir so, da ich nicht in einer Gastfamilie lebe und in meiner Einsatzstelle viel mit Deutschen zusammenarbeite. Dabei ist ja einer der Hauptgründe für ein Auslandsjahr meist, die Kultur des Gastlandes kennenzulernen. Als Freiwilligendienstler habe ich dazu insgesamt weniger Gelegenheit. Obwohl auf den Vorbereitungsseminaren wie beim Schüleraustausch auch kulturelle Themen angesprochen wurden, beschäftigen mich hier vorwiegend Dinge, die mit der Arbeit im Hort zu tun haben. Das kulturelle Erlebnis steht eher im Hintergrund. So ist es als Freiwilligendienstler meiner Meinung nach auch schwieriger, die Sprache des Gastlandes zu lernen. Zumal es für Freiwilligendienstler in bestimmten Projekten, gerade in Schulen, häufig vorgesehen ist, Englisch oder auch ihre Muttersprache zu sprechen, zum Beispiel wenn sie im Fremdsprachenunterricht helfen.

Freundschaften

Für mich, und für viele andere, ist der Kontakt zu anderen Austauschschülern während des Auslandsjahres ein wichtiger und wunderschöner Teil unserer Erfahrung gewesen, den wir unter keinen Umständen missen wollen. Wer mit einer international operierenden Organisation, wie in meinem Fall AFS Interkulturelle Begegnungen e. V., ins Ausland geht, kann davon ausgehen, Austauschschüler aus anderen Ländern kennenzulernen, sei es in der eigenen Schule, in der Stadt oder auf gemeinsamen Seminaren. Während des Freiwilligendiensts hat man sicher auch diese Möglichkeit – sie ist aber abhängig von der Entsendeorganisation und der Einsatzstelle. In der Waldorf School Windhoek arbeiten nur Freiwillige aus Deutschland, meine Organisation ist ebenfalls nur in Deutschland tätig. Deshalb kenne ich zwar viele nette Freiwillige aus Deutschland (und das ist auch toll!), aber ein internationaler Kontakt ist in meinem Fall leider bisher nicht zustande gekommen.

Kosten

Kommen wir zu dem leidigen, aber eben doch wichtigen Punkt Finanzen. Ein Auslandsjahr kostet einen Haufen Geld. Egal ob man nun einen Freiwilligendienst leistet oder einen Schüleraustausch macht. Der genaue Preis ist immer von Land zu Land und von Organisation zu Organisation unterschiedlich. Tendenziell würde ich aber sagen, dass ein Schüleraustausch teurer ist. Denn: viele Freiwilligendienste werden in Deutschland vom Ministerium bezuschusst. Dazu zählt das entwicklungspolitische Freiwilligendienstprogramm weltwärts ebenso wie das FJA – das Freiwillige Jahr im Ausland. Somit werden ca. 75% des Programmpreises vom Staat getragen. Außerdem finanzieren viele Freiwilligendienstler, so auch ich, ihr Auslandsjahr über einen Unterstützerkreis, der die restlichen 25% spendet.

Wer hingegen als Schüler ins Ausland möchte, muss das meistens privat finanzieren. Und so ein Auslandsjahr fängt bei 4000-5000 Euro gerade mal an. Zum Glück gibt es auch hier Unterstützungsmöglichkeiten wie Stipendien oder Auslands-BaFög. Trotzdem: ein Schüleraustausch kostet pauschal eher mehr als ein Freiwilligendienst (obwohl ähnliche Leistungen wie Flug, Versicherung, Vorbereitungsseminar etc. abgedeckt sind).

Also was nun: Freiwilligendienst oder Schüleraustausch?

Ein Fazit zu ziehen fällt mir nach dieser Auflistung der Vor- und Nachteile von beiden Modellen sehr schwer. Am Ende muss jeder selbst abwägen, welche Aspekte des Auslandsjahres ihm besonders wichtig erscheinen. Um Sprache und Kultur eines Landes so richtig „von innen heraus“ kennenzulernen, ist vielleicht ein Schüleraustausch geeigneter. Dafür hat man als Freiwilligendienstler oft bessere Gelegenheiten das Land zu bereisen und ist selbstständiger. Wer sich in der zehnten oder elften Klasse noch nicht bereit für ein ganzes Jahr fern von der Heimat fühlt, der kann ruhig warten, bis die Schule vorbei ist. Und wer nach seinem Schüleraustausch denkt, ein Freiwilligendienst lohne sich für ihn nicht, da er ja schon im Ausland war, darf auch gewiss sein, dass die beiden eigentlich nicht miteinander vergleichbar sind. Ich jedenfalls bin froh, noch einmal im Ausland zu sein! Auch wenn sich diesmal alles ganz anders anfühlt. Also: macht doch einfach beides, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt!


Während meiner Zeit in Russland, habe ich ebenfalls einen Blog geschrieben. Den findet ihr hier.

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