Mein FSJ-Platz: die Camphill School Aberdeen in Schottland

Unter der Überschrift „Mein FSJ-Platz“ stellen wir und einige unserer Freunde in anderen Einsatzstellen, z. T. auch in anderen Ländern, unser FSJ, unsere Einrichtung und unsere Aufgaben vor.


Ich bin:

Malte, 19, aus Osnabrück und mache ein Soziales Jahr in einer Camphill-Einrichtung in der Nähe von Aberdeen, Schottland.

So wohne ich während meines FSJs:

Ich habe ein sehr geräumiges Zimmer, mit Schreibtisch, Doppelbett und Mini-Kühlschrank (!!!) in einem der gemeinschaftlichen Häuser auf unserem Gelände. Das Gelände selber beinhaltet einige solcher Häuser, in denen Freiwillige (coworker) zusammen mit den residents wohnen und leben. Außerdem gibt es vielfältige handwerkliche Workshops, sowie Garten, Farm und Pferdestall. In meinem Haus leben permanent fünf junge Erwachsene die betreut werden, zusammen mit insgesamt acht coworkern. Tagsüber werden drei weitere Schüler/junge Erwachsene betreut, hinzu kommen außerdem noch einige festangestellte Betreuer. Die Wohnsituation ist also direkt am Arbeitsplatz, wohnen und arbeiten gehen ineinander über. Das Gelände ist außerdem sehr gut an das Bussystem angebunden, sodass man problemlos (und deutlich billiger als in Deutschland) in die größeren Städte im Umkreis kommt. Einziger Nachteil an meinem Zimmer ist die Lage direkt neben dem Wasserboiler, weswegen ich immer mit Ohrenstöpseln schlafen muss.

Meine Arbeitszeiten und Kollegen:

Unsere residents benötigen 24/7-Betreuung, von 7 Uhr bis 21 Uhr sind dafür die coworker und fest angestellten Betreuer zuständig. Täglich habe ich zwei resthours und wöchentlich zwei Tage frei. Also arbeite ich insgesamt 60 Stunden die Woche, wobei gesagt werden muss, dass einiges davon Zeit für Mahlzeiten und Pausen ist, in denen man lediglich ein Auge auf die residents haben muss. Der durchschnittliche Kollege ist weiblich und aus Deutschland, gerade bei den Freiwilligen fällt dies besonders auf. In meinem Haus sind außer mir noch ein deutscher Dude, ein Israeli, eine Österreicherin, eine Columbianerin und vier (mittlerweile nur noch drei) deutsche Damen. Also wird tatsächlich auch sehr viel Deutsch gesprochen, solange keiner dabei ist, der Deutsch nicht kann.

Mein Arbeitsfeld:

Der Arbeitstag beginnt morgens um sieben und besteht daraus, unsere residents hilfestellend durch ihren Tag zu begleiten. Anzumerken ist, dass Camphill für viele eine letzte Anlaufstelle ist und einige residents hier schon mehrere Institutionen durchlaufen haben. Unsere jungen Erwachsenen haben alle unterschiedlich starke Lernbehinderungen (meistens unterschiedliche Ausprägungen von Autismus) und benötigen dementsprechend auch ordentlich Unterstützung. Um 7:45 Uhr gibt es Frühstück und um 9:30 Uhr beginnen die unterschiedlichen Workshops. Danach gibt es um 13 Uhr Lunch, gefolgt von weiteren Workshops, Supper um 17:30 Uhr und evening activities, z.B. Basteln, Singalong, Volkstanz etc.

Meine Aufgaben in Stichpunkten:

  • Aufwecken/Hilfe bei persönlicher Hygiene: Fällt je nach resident unterschiedlich aus, reicht von Anweisungen/Bestätigung geben, bis hin zu waschen, Cremes und Pflegeprodukte anwenden, Windeln wechseln und anziehen
  • Begleiten/Mitarbeiten in den Workshops (bei mir meistens Garten, Holzarbeit und Lebensmittel an die Häuser liefern)
  • Putzen, den gemeinsamen Wohnraum sauber halten
  • Vorbereitung von Frühstück und Abendbrot
  • Mithelfen beim Abwaschen und in der Küche
  • Auf die residents aufpassen, dafür sorgen, dass gewisse Regeln eingehalten werden
  • Residents bei herausforderndem Verhalten unterstützen: Fällt ebenfalls sehr unterschiedlich aus. Ein paar Beispiele: Zeit und Raum für Wutanfälle gewährleisten, verbal Bestätigung geben und Grenzen setzen, verhindern, dass resident sich selbst verletzt (z.B. indem der Kopf am Türrahmen angeschlagen wird) etc.
  • Kommunikation mit residents: Klingt erstmal offensichtlich, jedoch kann keiner unserer residents verbal kommunizieren. Deswegen läuft das meiste auf nonverbaler Ebene ab, z.B. durch Laute, Zeichen und Verhalten
  • Kinn-/Nacken- und Stirn“massagen“: Der Typ mit dem ich am meisten arbeite hat einen unterempfindlichen Tastsinn, was bedeutet, dass er, um seinen Körper zu spüren, sehr viel Stimulation benötigt. Ich darf dann regelrecht meine Fingernägel in seine Haut bohren, damit er zufrieden ist (ist natürlich mit Eltern und Pflegekräften abgeklärt, wenn man hier irgendwie Hand an die residents anlegt, dann nur mit Absprache zwischen allen Beteiligten)

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  Ich habe viel Freude mit den hier im Internet anonymen residents

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Das macht mir am meisten Spaß:

Es gibt mit jedem resident immer diese besonderen Momente, an die man sich noch lange erinnert. Z.B. wenn etwas mal überraschend gut klappt, oder wenn jemand mal besonders gut drauf ist und einfach Spaß hat. Neben diesen Momenten ist es auch einfach großartig zu sehen, wie man mit der Zeit eine Beziehung zu den einzelnen residents aufbaut und auch selber an den Aufgaben wächst. Ekel und Ego musste ich relativ schnell ablegen, dafür haben die residents schon gesorgt, und ich war noch nie so geduldig wie hier. Und mit den anderen coworkern in die Stadt gehen, feiern, Schottland ansehen etc. macht auch ziemlich Bock.

Zusätzliche Aufgaben:

  • Night awareness/Fire awareness: jeweils einmal pro Woche, bei night awareness muss man während der Nacht telefonisch erreichbar sein, bei fire awareness nur im Haus schlafen und nüchtern bleiben.
  • Technikkram, hier und da mal. Meine Hauskoordinatorinnen haben schnell herausgefunden, dass ich halbwegs gut mit Computern umgehen kann

Fazit:

Für mich ist die Arbeit hier bisher einfach super. Manchmal anstrengend? Definitiv! Manchmal überfordend? Aber hallo! Man hat aber immer die Unterstützung von anderen coworkern oder von der Hauskoordination. Wenn irgendwas zuviel ist oder man anderweitig ein Problem hat, kann man das einfach ansprechen. Was ebenfalls sehr hilfreich ist, ist, dass man immer Fehler machen kann bzw. mit Fehlern super umgegangen wird, was einem ermöglicht mit jedem resident wirklich seinen eigenen Weg zu finden. Ich hab hier also viel zu tun und viele Herausforderungen, aber dank der Leute um mich herum macht das ganze echt viel Spaß.

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